🟥 Kapitel 36: Die Gründung der Europäischen Union unter NS-Einfluss

Walter Hallstein, Walter Funk und das wirtschaftspolitische Erbe des Dritten Reiches

36.1 Einleitung: Ein vereintes Europa – aber mit welchem Fundament?

Die Europäische Union wird vielfach als Friedensprojekt dargestellt – als Antwort auf zwei Weltkriege, als zivilisatorischer Fortschritt gegenüber dem Nationalismus des 20. Jahrhunderts. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Viele Architekten der europäischen Integration standen selbst im Dienst des Nationalsozialismus oder entstammten seinem ideologischen Umfeld. Die Grundidee eines zentralisierten, wirtschaftlich durchregulierten Kontinents war keineswegs neu – sie gehörte zum ideologischen Kern der NS-Wirtschaftsplanung.

Die zentralen Figuren – Walter Hallstein, Walter Funk, aber auch andere – waren bereits vor 1945 in ein autoritäres, elitenbasiertes System europäischer Ordnung eingebunden, das mit Demokratie wenig zu tun hatte. Dieses Kapitel zeichnet die personellen und strukturellen Kontinuitäten zwischen dem NS-Staat und der späteren Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) nach.

36.2 Walter Hallstein – Jurist des Dritten Reiches, erster Präsident der EU-Kommission

Walter Hallstein gilt als „Gründervater Europas“. Als erster Präsident der Europäischen Kommission (1958–1967) war er einer der wichtigsten Architekten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Doch Hallstein war nicht unbeschrieben:

  • Er war NSDAP-Mitglied (Beitritt umstritten, aber mindestens Parteianwärter).
  • Er war ein fĂĽhrender Jurist im NS-Staat, unter anderem beteiligt an der Vorbereitung von Besatzungsplänen fĂĽr Frankreich – darunter die „Hallstein-Doktrin“, die das Rechtssystem der besetzten Länder dem deutschen FĂĽhrerrecht unterordnen sollte.
  • 1938 sprach Hallstein in Rom im Rahmen einer Delegation des NS-Auswärtigen Amtes ĂĽber die „Neuordnung Europas“ unter deutscher FĂĽhrung.
  • Nach dem Krieg wurde er ohne Entnazifizierung durch die amerikanische Militärregierung direkt als Professor und später als auĂźenpolitischer Berater Adenauers eingesetzt.

Die Idee eines zentralisierten, wirtschaftlich geeinten Kontinents unter supranationaler Kontrolle war keine demokratische Neuerfindung, sondern spiegelte viele Gedanken der NS-Wirtschaftsplanung wider – nur unter anderen Vorzeichen.

36.3 Walter Funk – NS-Wirtschaftsminister und „Vordenker europäischer Zentralisierung“

Walter Funk war NSDAP-Mitglied seit 1931, ab 1933 Staatssekretär im Propagandaministerium, später Reichswirtschaftsminister und Präsident der Reichsbank. Er war einer der geistigen Väter der europäischen Wirtschaftsraumtheorie, mit dem Ziel, Europa unter deutscher Dominanz wirtschaftlich zu integrieren – einschließlich Zwangsarbeitsregimen, zentraler Rohstofflenkung und industriepolitischer Planung.

Sein „Großraumwirtschaftsplan“ sah vor:

  • die wirtschaftliche Eingliederung eroberter Staaten ohne deren politische Mitbestimmung
  • die Ausnutzung kolonialer und osteuropäischer Arbeitskräfte
  • die Schaffung einer technokratischen Wirtschaftselite zur Steuerung von Produktion, KapitalflĂĽssen und Banken

Funk wurde in Nürnberg verurteilt – jedoch 1957 begnadigt. Seine Ideen wurden nie öffentlich aufgearbeitet, fanden jedoch strukturelle Entsprechungen in der späteren römischen Verträgen, im Binnenmarkt, in der EZB und im Kommissionsrecht der EU.

36.4 Von der „Neuordnung Europas“ zur EWG – eine stille Transformation

Die deutsche Kriegswirtschaft unter Hitler setzte bereits auf:

  • supranationale Regulierung
  • BĂĽrokratismus statt Demokratie
  • Konzernmacht ĂĽber Parlament
  • „Planungssicherheit“ durch Ausschaltung des Marktes

Diese Prinzipien wurden nach dem Krieg nicht entsorgt, sondern umcodiert:

NS-IdeeEU-Realität ab 1957
Zentralisierte RaumwirtschaftGemeinsamer Markt, BrĂĽsseler Kommission
Entmachtung nationaler ParlamenteEU-Richtlinien mit Vorrang vor Landesrecht
Elitensteuerung durch TechnokratieEZB, Kommission, Lobbyisten-System
Wirtschaftslenkung durch VerordnungenEU-Agrar-, Energie-, und Klimapolitik

Diese Strukturen konnten nur entstehen, weil viele NS-Kader unbehelligt weiterarbeiteten, u.a. in den Ministerien für Wirtschaft und Finanzen der BRD, in Banken und im Auswärtigen Amt.

36.5 Frankreichs Mitverantwortung und das Schweigen der Alliierten

Die französische Elite – selbst in Teilen vichy-kontaminiert – akzeptierte Hallstein und andere NS-Kader in zentralen EU-Positionen, solange das Projekt den wirtschaftlichen Wiederaufstieg sicherte.

Churchill, de Gaulle, Adenauer, Schuman – alle beteiligten sich an einem „Pakt des Schweigens“ über die personelle Herkunft der Integrationsfiguren. Der Kalte Krieg legitimierte alles, was „gegen den Osten“ wirkte – auch faschistische Herkunft.

36.6 Heute: Von der EWG zur technokratischen EU

Die heutige EU ist keine Diktatur – aber sie trägt Merkmale autoritärer Systeme:

  • mangelnde demokratische Legitimation der Kommission
  • Ăśbermacht des Lobbyismus
  • völlige Intransparenz bei Entscheidungsprozessen
  • Entmachtung nationaler Parlamente
  • Zwangspolitiken ohne Volksentscheide

Viele dieser Strukturen wären ohne die NS-Wirtschaftselite und ihre ideologischen Vorarbeiten nicht in dieser Form entstanden.

📚 Quellen (Auswahl):

  • Andreas Wehr: Walter Hallstein – Europäischer Technokrat, PapyRossa, 2006
  • Heiner Flassbeck: Die gescheiterte Euro-Politik, Westend, 2015
  • Ernst Wolff: Weltmacht IWF, 2014
  • Mark Mazower: Hitler’s Empire: Nazi Rule in Occupied Europe, 2008
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, 2003
  • Joseph Farrell: The Third Way: The Nazi International and the European Union, 2015
  • Akten des Auswärtigen Amts, 1938–1943, Bundesarchiv
  • Bundestagsdrucksachen zur Rolle Hallsteins (1979, 1999)

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