Dieses Buch ist kein wissenschaftliches Lehrwerk. Es ist auch keine historische Abhandlung im klassischen Sinne. Es ist ein Weckruf.
Ich schreibe dieses Buch nicht als Historiker, sondern als Mensch – als Arzt, als Vater, als Bürger, der nicht länger schweigen kann. Die Ereignisse der letzten Jahre haben mich – wie viele andere – dazu gezwungen, die Geschichte unseres Landes und unserer Welt neu zu durchdenken. Dabei stieß ich auf eine Wahrheit, die gleichzeitig erschreckend und befreiend ist: Die Diktatur, von der wir glaubten, sie sei überwunden, hat nie aufgehört zu existieren. Sie hat sich nur neu verkleidet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nicht die Täter verfolgt, sondern die Geschichte. Die Akten wurden geschlossen, die Netzwerke blieben offen. Aus den Uniformträgern wurden Anzugträger. Aus dem Faschismus wurde Technokratie. Aus Propaganda wurde PR. Die Namen änderten sich, die Methoden nicht. Und wer heute wagt, diese Kontinuitäten zu benennen, wird diffamiert, zensiert, ausgegrenzt – erneut.
Dieses Buch ist der Versuch, die Spuren freizulegen. Es zeigt auf, dass viele der heutigen Institutionen, Medien und Machtstrukturen auf einem Fundament stehen, das in der Zeit des Nationalsozialismus gegossen wurde. Dass die Täter von gestern zu den Gründern von heute wurden. Dass ihre Enkel in den Ämtern sitzen – nicht als Schuldige, aber oft als Nutznießer einer ungebrochenen Ordnung. Und dass das, was heute als Demokratie verkauft wird, in Wahrheit oft nur das autoritäre Erbe in neuer Verpackung ist.
Begonnen hat diese Spurensuche mit einem satirischen Sketch der Sendung Scheibenwischer – „Weißkittel im Braunhemd“ mit Dieter Hildebrandt und Urban Priol. Was zunächst wie eine bitterböse Parodie wirkte, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als präzise Zustandsbeschreibung.
Namen wie Sauerbruch, Mengele, Hirt, Sewering, Koller, Baschur oder Konrad Lorenz wurden dort nicht nur genannt – sie waren Mahnmale einer Geschichte, die nie wirklich aufgearbeitet wurde.
Ich begann zu recherchieren – zuerst im Personenlexikon des Dritten Reiches von Ernst Klee, später im sogenannten Braunbuch.
Was ich fand, war schockierend: eine beinahe lückenlose Weiterbeschäftigung NS-belasteter Personen in Justiz, Verwaltung, Medizin und Medien der Bundesrepublik. Daraus entstand meine Serie „Warum Deutschland seine Geschichte nicht aufarbeitet“, die inzwischen 103 Folgen umfasst.
Im Laufe der Zeit entdeckte ich auch internationale Perspektiven – etwa durch die Fernsehserie Hunting Hitler, die ich ins Deutsche übersetzt habe. Auch öffentlich-rechtliche Produktionen, deren Inhalte in Deutschland nach der Erstaustrahlung, heute, z.B. Auf Youtube nicht mehr gezeigt werden durften, lieferten weitere Bausteine.
Es war, als würde ein unsichtbares Puzzle Stück für Stück sichtbar werden – mit jeder Quelle, jedem Dokument, jeder vergessenen Biografie.
Dieses Buch ist auf vielfachen Wunsch von Zuschauern meiner Arbeit entstanden – und auf ausdrückliche Bitte meiner Frau, Mechthild Schiffmann, ohne deren Ermutigung ich dieses Werk vielleicht nie geschrieben hätte.
Es ist ein Buch gegen das Vergessen – und gegen das Verschweigen. Es ist unbequem, aber notwendig. Es ist keine Anklage – aber ein Zeugnis.
Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen. Wer sie kennt, aber schweigt, macht sich mitschuldig. Ich habe mich entschieden, nicht mehr zu schweigen. Dieses Buch soll ein Werkzeug sein – für alle, die den Mut haben, hinter die Kulissen zu blicken.
Ich bin mir bewusst, dass dieses Werk provozieren wird. Dass man versuchen wird, es zu ignorieren, zu diskreditieren, vielleicht sogar zu verbieten. Aber das ist in Ordnung. Denn es ist Zeit für eine neue Ehrlichkeit – über unsere Geschichte, unsere Gegenwart und das, was aus beidem erwachsen ist.
Dr. Bodo Schiffmann
Mai 2025

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